
Neue Integritätsstandards sollen die Cannes Lions wieder wertvoller machen - Foto: Cannes Lions
Wie die Cannes Lions ihr Image wieder aufpolieren wollen
Das internationale Cannes Lions Kreativfestival hat in diesem Jahr für reichlich Nachhall gesorgt. Der Grund: die Aberkennung der Auszeichnungen, die die brasilianische Agentur zum DDB-Netzwerk gehörende DM9 für die Kampagne „The efficient way to pay“ erhalten hatte. Doch das schien nur die Spitze eines riesigen Eisbergs zu sein, weitere Kampagnen gerieten unter den Fake-Verdacht. Schnell wurden Rufe laut, so etwas müsste Konsequenzen haben, für die Agenturen, aber auch für die Juroren …
Ein Skandal, den sich ein Unternehmen wie die Cannes Lions selbstverständlich nicht leisten kann. So schickte man sich an, schnell und umfassend neue „Integritätstandards“ zu verfassen. Offiziell heißt es: „Nach einer gründlichen Überprüfung wird ein weiterentwickeltes Rahmenwerk eingeführt, um ein neues Modell für Verantwortlichkeit, Strenge und Vertrauen für kreative Exzellenz zu schaffen.“
Simon Cook, CEO der Lions, begründet diese schnelle Reaktion damit, dass sich die Branche rasend schnell verändert. Demzufolge müssten sich auch die Lions in entsprechender Geschwindigkeit anpassen, um dem gerecht zu werden.
Die Folge: Ab 2026 unterliegen die Einreichungen bei den Cannes Lions neuen Standards, die sowohl die Rechenschaftsregularien als auch die Integrität betreffen. Bei letzterem, heißt es, gehe es vor allem darum, nicht allein den Benchmark in den Fokus zu nehmen, sondern insbesondere auch den kulturellen und kommerziellen Wert von echter, repräsentativer und verantwortungsbewusster Kreativität. „Im Mittelpunkt der Lions steht die Kreativität, die das Wachstum vorantreibt. Diese neuen Standards spiegeln unsere Verantwortung wider, sowohl eine Plattform für Kreativität zu bieten als auch deren Wert zu schützen, und bekräftigen, dass kreative Exzellenz gleichbedeutend mit kreativer Integrität sein sollte“, so Cook.
Diese fünf Standards sind, bei genauer Betrachtung, nicht eben neu. Schon immer mussten auch die Kunden bestätigen, dass die Maßnahme von ihnen beauftragt und bezahlt wurden. Ebenfalls galt es immer den Nachweis zu erbringen, dass die zum Wettbewerb eingereichte Kampagne eingesetzt, also in der Öffentlichkeit zu sehen war. Und darf man Stimmen aus den Jurys trauen, wurde auch in den vergangenen Jahren hinterfragt, wenn etwas offensichtlich nach Fake roch.
Insofern sei die Frage erlaubt, warum ausgerechnet 2025 alles derart hochkocht. Und warum ausgerechnet die aufstrebenden Werberegionen, wie eben Südamerika und/oder Afrika im Zentrum der Ermittlungen standen. Seit Jahren werden an der Côte – und nicht nur dort – Kampagnen ausgezeichnet, die ganz offensichtlich entweder pure Award-Arbeiten waren und vielleicht sogar einmal an einem Ort für eine begrenzte Zeit liefen. Nicht zu vergessen die reinen Social-Media-Kampagnen, die offensichtlich auf keine Marke einzahlen und auch der Gesellschaft nicht wirklich etwas bringen. Und dann gibt es noch die Kampagnen, bei denen Agentur und Auftraggeber quasi eins sind, weil die Agenturen an den Unternehmen nennenswerte Beteiligungen halten.
Vielleicht sollten sich die Ausrichter aller Kreativawards darauf ebenfalls fokussieren und diesen Arbeiten, die oft tatsächlich einen neuen Kreativstandard setzen können, eine eigene Kategorie einräumen. Bei den Cannes Lions würde das beispielsweise, ob der sowieso inflationär steigenden Kategorien (2025 waren das, inklusive aller Unterkategorien an die 1.000!) nicht mehr groß ins Gewicht fallen.
Claudia Bayer 11.07.2025


