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TikTok: Zwischen Such- und Suchtmaschine
Wer heute Jugendliche verstehen will, kommt an einer Auseinandersetzung mit TikTok nicht vorbei. Die tiefenpsychologisch-repräsentative Studie TikTok ungeschminkt des Rheingold Salon im Auftrag des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel e.V., kurz IKW, zeigt: TikTok ist mehr als eine weitere Social-Media-Plattform – TikTok ist zu einem zentralen Taktgeber des jugendlichen Alltags geworden.
Doch wer glaubt, Jugendliche würden die App einfach nur feiern, irrt. Ihre Bedenken sind weniger politisch-moralisch ob der chinesischen Herkunft. Vielmehr sind es Sorgen vor Abhängigkeiten durch ständige Dopamin-Kicks (70 %), vor "Verblödung" (62 %) und zunehmender Konzentrations-Schwierigkeiten (69 %), die sie umtreiben. Instagram wurde vor wenigen Jahren noch von Jugendlichen als einigermaßen harmlos empfunden. Die nahezu toxische Wirkung von TikTok hingegen ist mittlerweile selbstverständlicher Teil der Selbsterzählung.
Die On-Off-Beziehung von Jugendlichen zu TikTok
Viele löschen TikTok regelmäßig, aus Angst vor Abhängigkeit – nur um es Tage später wieder zu installieren. Diese ambivalente On-Off-Beziehung ist integraler Bestandteil der Nutzung: Man will nicht (ständig) auf TikTok sein – und kann nicht wegbleiben.
Ein zentraler Trigger: Fear of Missing Out. Wer zu lange offline ist, versteht die Codes nicht mehr. Vor allem Memes wirken wie kollektive Träume, die man kennen muss, um Teil der Gemeinschaft zu sein. Off zu sein kann genauso Kontrollverlust bedeuten wie ständig auf der Plattform "hängen zu bleiben".
TikTok bietet Realitätsprüfung und Tagtraum
Orientierung und Halt liefert TikTok vor allem durch die erste der beiden zentralen Nutzungsverfassungen: die aktivisch-bewusste Realitätsprüfung. Während die zweite – die passivisch-vorbewusste Tagtraum-Verfassung – eher das Gefühl des Sich-Verlierens verstärkt.
a) Die Realitätsprüfung: die aktivisch-bewusste Verfassung
TikTok gilt bei den Jugendlichen als echter, glaubwürdiger und realer als andere Plattformen. Das liegt auch an der als herausragend erlebten Suchfunktion, die schon jetzt "googlen" genannt wird. Denn hier kann man über Begriffe ebenso wie über Hashtags suchen und erhält Video statt Text. Diese "Video-Suchmaschine" für Restaurants, Reise-Hotspots und auch Produkte schafft das Gefühl von Authentizität: Was jemand mit 200 Followern in die Kamera spricht, erscheint oft glaubwürdiger als Influencer-Werbung auf Insta. TikTok sorgt für den Realitätscheck: Ist die neue Mascara wirklich gut? Ist dieses Café wirklich cool? Die Plattform liefert nicht nur Informationen, sondern auch gefühlte Sicherheit. Übrigens auch bei den Nachrichten: Jugendliche wissen um mögliche Fake-News – und vertrauen doch keinem anderen Medium mehr als TikTok.
b) Fremdbestimmter Tagtraum: die passivisch-vorbewusste Verfassung
Gleichzeitig gleitet die Nutzung oft in einen fremdbestimmten Tagtraum ab. Jugendliche möchten sich oft nur kurz entspannen, geraten dann aber mit dem Scrollen in eine Art Trance-Zustand. Der Algorithmus führt durch eine endlose Flut von Videos, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie interessieren. Gleichzeitig weiß TikTok in Minuten, wie der junge Mensch heute so drauf ist. 77 Prozent vergessen die Zeit, aus Minuten werden Stunden, und das Gefühl, sich doch nicht entspannt zu haben. 69 Prozent fühlen sich nach der Nutzung schlechter als vorher. Das ist psychologisch besonders brisant. Denn TikTok täuscht einen Erholungsraum vor, bietet aber keine echte Verarbeitung eigener Themen. Die Traumwelt wird von außen diktiert – und lässt die Jugendlichen innerlich unberührt und gleichzeitig ausgelaugt zurück.
"TikTok bietet die Möglichkeit, Marken in kollektive Sehnsüchte zu integrieren. Wer es schafft, in einem Meme oder einer Routine erwähnt zu werden, gewinnt."
TikTok liefert Rezepte für Erfolg
Trotzdem bleibt die Plattform attraktiv. Warum? Weil sie etwas verspricht, was Jugendliche dringend suchen: Kontrolle über das eigene Leben. TikTok suggeriert: Du kannst erfolgreich sein und alles erreichen. Du musst nur das richtige Mind-Set haben und den richtigen Life Hack finden. Mindset-Coaches und Motivationstalks liefern scheinbar einfache Rezepte für Erfolg, Schönheit und innere Stärke. Besonders junge Männer sprechen vom "Alpha-Mindset". Auch Routinen – etwa Morgenabläufe, Fitnesspläne, Beauty-Care – versprechen Struktur. Selbst wenn sie häufig absurd überhöht sind, geben sie das Gefühl: Ich könnte mein Leben im Griff haben, wenn ich funktioniere wie in diesen Videos.
Was bedeutet das für die Markenkommunikation?
a) TikTok ist keine Plattform – es ist eine psychologische Landschaft
Wer hier kommunizieren will, muss die Mechanismen verstehen – und sich vom klassischen Werbedenken verabschieden. TikTok funktioniert nicht allein über Reichweite oder Star-Influencer, sondern über emotionale Resonanz.
b) Die Produktkommunikation muss in Routinen eingebettet sein
Im Bereich Beauty, Food oder Getränke zählt nicht die Inszenierung des Einzel-Produktes, sondern die glaubwürdige Integration in eine authentische Alltagserzählung.
c) Echtheit schlägt Inszenierung
Was auf Instagram Hochglanz ist, darf auf TikTok Eigensinn haben. Videos von Nutzer:innen mit 500 Followern können mehr bewirken als durchchoreografierte Influencer-Formate.
d) Marken müssen Teil der Tagträume werden – ohne sich selbst zu verlieren
TikTok bietet die Möglichkeit, Marken in kollektive Sehnsüchte zu integrieren. Wer es schafft, in einem Meme oder einer Routine erwähnt zu werden, gewinnt. Aber: Die Kommunikation muss sich der Traumlogik der Plattform unterwerfen – ohne manipulativ zu wirken.
e) TikTok-Nutzer:innen sind keine reinen Konsumenten – sie sind Co-Kreateure
Die Grenze zwischen Markeninhalt und User-generated Content ist fließend. Erfolgreiche Marken fördern Remixbarkeit und Wiederveröffentlichung, statt bloße Markenbotschaften zu senden.
Ines Imdahl
Geschäftsführerin und Inhaberin von Rheingold Salon
Ines Imdahl gründete im Jahr 2011 zusammen mit Jens Lönneker die Forschungsagentur Rheingold Salon mit Sitz in Köln. Davor war sie rund 17 Jahre lang Geschäftsführerin und Inhaberin des in Köln ansässigen Rheingold Instituts. Daneben ist die Diplom-Psychologin Vortragsrednerin und Buchautorin.

