Die deutsche Medienlandschaft steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Entwicklungen wie technologische Umwälzungen, wirtschaftlicher Druck und eine wachsende Plattform-Macht zwingen Medienhäuser neue Wege zu gehen, um Nutzer:innen weiterhin zu erreichen. Das gilt auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich gleich mehreren existenziellen Aufgaben gegenüber sieht.
Im Interview mit new business spricht Florian Hager, Vorsitzender der ARD und Intendant des Hessischen Rundfunks, über Veränderungen auf dem deutschen Bewegtbildmarkt, Herausforderungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im digitalen Zeitalter und die künftige Rolle von ARD und ZDF in der deutschen Medienlandschaft.
new business: Herr Hager, was sind für Sie derzeit die größten Veränderungen auf dem deutschen Bewegtbild- beziehungsweise Medienmarkt?
Florian Hager: Wir stecken mit KI und Social Media meiner Meinung nach mitten in einer Medienrevolution. Die Art wie wir Medien nutzen, ändert sich fundamental. Junge Menschen nutzen Social Media so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Und sie schalten nicht mehr irgendein Gerät ein, sondern stellen Fragen und Prompts an Sprachagenten. In dieser Medienrevolution müssen wir als ARD unsere Rolle finden.
nb: Vor welchen Herausforderungen steht der öffentliche-rechtliche Rundfunk, insbesondere die ARD, in einem sich stark digitalisierenden Medienmarkt?
Hager: KI stellt uns vor radikal neue Herausforderungen. Das meint nicht nur, welches KI-Tool wir als Medienunternehmen wo und wie ethisch, journalistisch oder ökonomisch sinnvoll einsetzen. Sondern es meint, dass wir uns bewusst machen müssen, wie Agenten oder „Antwortmaschinen“ die Gatekeeper-Rolle übernehmen. Und wie die Antwortmaschinen uns finden. Die Online-Nachrichten der Tagesschau sind schon die meistgenutzte deutsche Info-Quelle der großen Large-Language-Models, das hat eine Untersuchung gerade gezeigt. Gleichzeitig müssen wir hier weiter auf die Veränderungen der Medienwelt reagieren. Die tollsten Serien und die wertvollsten Beiträge sind ja wertlos, wenn sie keiner mehr entdeckt. Dafür müssen wir unsere Daten völlig anders strukturieren. Da sind wir dran.
nb: Wie reagiert die ARD auf einen veränderten TV- und Mediennutzungskonsum und die wachsende Dominanz von US-Plattformen? Auf welcher Entwicklungsstufe sehen Sie derzeit die ARD-Mediathek?
Hager: Die Mediatheken von ARD und ZDF erreichen zusammen mehr Menschen als Amazon Prime oder Netflix in Deutschland. Generell ist diese Plattform in der Strategie der ARD eine der wichtigsten. Die Mediathek vereint sowohl das Gemeinschaftsprogramm der ARD als auch die regionalen Angebote der Landesrundfunkanstalten – und ist damit auch ein wichtiges Fenster in die Regionen. Das ist für uns als ARD natürlich entscheidend, denn das ist ja unser USP, dass wir nah bei den Menschen vor Ort sind und deren Geschichten erzählen. Und wir sind dabei, mit dem ZDF, dem Deutschlandradio und vielen weiteren Partnern ein gemeinwohlorientiertes Plattformsystem als starkes Gegengewicht zu globalen Tech-Plattformen zu entwickeln – offen für alle, die mitgestalten wollen. Gleichzeitig entwickeln wir die ARD-Mediathek weiter. In diesem Jahr kam zum Beispiel ein gesicherter Kinderbereich dazu. Eltern können für ihre Kinder Profile anlegen, und Kinder bekommen altersgerechten Content im kindgerechten Layout angeboten.
nb: Welche Perspektiven sehen Sie mittelfristig für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland?
Hager: Wir sind relevant. Wir wissen aus aktuellen Studien, dass rund drei Viertel der Menschen in Deutschland die Sorge haben, dass unsere Gesellschaft auseinanderfällt. Noch mehr, nämlich 82 Prozent der Menschen, erwarten explizit vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Rolle des gesellschaftlichen Kitts auszufüllen. Heißt für uns: wir haben einen klaren Auftrag! Und den nehmen wir an. In einer Zeit, in der Orte der Begegnung verschwinden, es immer weniger gemischte Wohnviertel gibt oder öffentliche Schwimmbäder schließen, müssen wir diejenigen sein, die Debattenräume schaffen, die Menschen zusammenbringen und ihnen gemeinsame Erfahrungen ermöglichen – und nicht ihre Einstellungen gegeneinander ausspielen. Wir brauchen noch mehr Perspektivenvielfalt. Das gilt sowohl digital als auch im echten Leben. Wir dürfen als Gesellschaft nicht das Miteinander-Reden runterfahren oder sogar einschlafen lassen.
Kostenlos versorgt Sie der new-business-Newsletter mit allen Neuigkeiten. Jetzt abonnieren - nie wieder etwas verpassen!