
Wenn Ruhe in die gute Stube einkehrt, hat der Weihnachtsbaum Zeit sich Gedanken zu machen ... - Foto: Thepaintedsquare on Pexels
Gastbeitrag
Gedanken eines erfahrenen Weihnachtsbaums
Ho-ho-hallo, ich bin’s – der Baum! Ein Weihnachts-gewächs berichtet über internationale Festtagsspots und die deutsche Kunst des bodenständigen Funkelns.

Sascha Hanke schlüpfte mal kurz in die Rolle eines Weihnachtsbaums - Foto: Häppy
Man sagt ja, als Weihnachtsbaum stünde man nur herum. Ich widerspreche höflich: Ich stehe nicht herum, ich beobachte! Ich habe mehr Wohnzimmer gesehen als die Feuerwehr, mehr Familienfeste überlebt als jede Tischdecke und mehr Weihnachtswerbung analysiert als ein mittelgroßes Marketingteam in Adventskalender-Eile. Und glaubt mir: Was dieses Jahr international in Sachen Weihnachtsfilme los ist, lässt selbst meine Lamettafäden vor Aufregung vibrieren.
International wird Weihnachten inszeniert wie ein Fantasy-Musical auf Glitzersteroiden. Alle großen Spots haben eines gemeinsam: ein Herz, das so schwer schlägt wie meine Christbaumkugeln nach dem dritten Glas Punsch von Tante Gisela. Da ist Kroger, die eine Soldatenfamilie zusammenführen – hach, da rascheln sogar meine Nadeln. John Lewis zaubert erneut Vater-Sohn-Emotionen, die so warm sind, dass ich kurz meine Lichterkette dimmen musste, um nicht im eigenen Harz zu schmelzen. Und überall schweben Gefühle durch die Luft, als hätte jemand Tannenduft mit rosaroter Nostalgie verrührt.
Dann die Romantik! Ach du meine Festtagsrinde. Keira Knightley bei Waitrose, märchenhafte Feen bei Marks & Spencer, verliebte Karotten bei Aldi UK – es glitzert, es flirtet, es funkelt. Die Welt scheint beschlossen zu haben: If you can’t make it Hollywood, you make it Hollyjollywood.
Aber das reicht der internationalen Werbewelt nicht. Nein, man greift tief in die Fantasiekiste: Sainsbury’s lässt einen Big Friendly Giant auftauchen, der einen 15-Meter-Riesen am Truthahnklau hindert. Asda bekehrt den Grinch, und Walmart baut gleich eine ganze Stadt namens WhoKnewVille. Morrisons hingegen feiert die stillen Heldinnen und Helden, die das Jahr über schuften, damit Weihnachten überhaupt schmeckt. Bauern, Bäcker, Fischer – ich hebe mein oberstes Astpaar respektvoll vor euch.
"Deutsche Weihnachtswerbung riecht ein bisschen nach Zimt, ein bisschen nach Alltag und ein bisschen nach: 'Wir kriegen das schon hin'. (Sascha Hanke)
Und dann Tesco – ach Tesco. Endlich ein Spot, der zeigt, was ich jedes Jahr erlebe, wenn ich mitten im Wohnzimmer stehe: brennende Plätzchen, überdrehte Kinder, die Katze, die mich besteigt, und Menschen, die feierlich behaupten "Dieses Jahr bleiben wir ganz entspannt.“ Jaja. Natürlich.
Fassen wir zusammen: International will man Weihnachten größer, glänzender und emotionaler machen, als ich jemals aus eigener Fotosynthese heraus strahlen könnte. Alles ist super, mega, hyper, ho-ho-ho-lywood!
Und dann… kommen wir nach Deutschland.
Ach, Deutschland. Mein wohliger Nadelduft senkt sich schlagartig. Hier wird Weihnachten nicht mit Sternenstaub überzogen, sondern mit Realismus glasiert. Keine Riesen, keine Feen, keine Gemüse-Paare auf romantischer Schlittenfahrt. Deutsche Weihnachtswerbung riecht ein bisschen nach Zimt, ein bisschen nach Alltag und ein bisschen nach: „Wir kriegen das schon hin.“
dm bleibt bei #ganzich – und als Baum sage ich: Respekt! Endlich ein Spot, der keine Wesen fliegen lässt, die mich potenziell anzünden könnten. Authentisch, menschlich, ruhig. Ein kleiner, wenngleich wenig weihnachtlicher Waldspaziergang.
Edeka holt das A-Team raus. Ein Fest für alle, die Weihnachten als Mission Impossible betrachten – aber mit Humor, Herz und der leisen Hoffnung, dass niemand wieder die Gans vergisst. Ich sehe solche Szenen ja ständig. Wenn Familien versuchen, über mich hinweg das Fest zu retten, denke ich nur: „Kinder, eins nach dem anderen. Ich falle sonst um.“
Lidl wiederum sagt: „Wunder-volles lohnt sich jeden Tag.“ Ein Satz, der klingt, als hätte ihn ein sehr entspannter Tannenzweig geschrieben. Keine Feen, kein Chaos, kein Riesen-Pendant zu mir. Einfach Alltag mit Schleifchen.
Und Denns… ach Denns. „Der Baum.“ Ein Spot, der mich so wertschätzt, dass ich fast errötet wäre – wenn ich könnte. Ein stilles, warmes, sauberes Porträt eines Baumes, der über eine Million Mal auf Youtube angeschaut wurde. Da wird man ja fast grün vor Neid! Und der Blick dieses süßen kleinen Mädchens, die den Baum für sich und ihr Zuhause entdeckt – einfach zum Dahinnadeln!
Was verbindet alle? Alle wollen Gefühle. Alle wollen Gemeinsamkeit. Alle wollen Geschichten erzählen, die so warm sind wie Lichterketten mit Überhitzungswarnung.
Was unterscheidet sie? International: bling, boom, emotionale Achterbahn. Deutschland: Bodenhaftung, Humor, ein bisschen Alltag und ein Hauch von „Wir schaffen das schon irgendwie, solange die Katze nicht wieder in den Baum springt“.
Für mich als Baum ist das Fazit klar: Die internationale Weihnachtswerbung ist wie ein gigantischer Stern auf der Spitze – spektakulär, funkelnd, leicht überkandidelt. Die deutschen Spots sind eher wie eine gute, alte Lichterkette – zuverlässig, angenehm, ein bisschen schief
verpackt, aber warm ums Herz.
Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich glaube, das Kind im Wohnzimmer plant, mir selbstgebastelte Salzteig-Anhänger umzuhängen. Das wird wieder schwer. Aber hey – dafür lebe ich.
Frohes Fest, euer Baum mit Überblick, Bodenhaftung und einer stabilen Meinung zu Weihnachtswerbung.
Claudia Bayer 17.12.2025

