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Die einzig wichtige Frage: Wer hat in dieser Saison wirklich gewonnen? - Foto: davit85 - Fotolia

Gastkolumne

mein senf zur kreativseason.

cannes: ein viertel weniger einreichungen. zuhause: 334 nägel, fünf grand prix. claude sagt mir: acht prozent weniger als letztes jahr — nach minus 24 prozent im jahr davor. und dann muss es of all people ein holding-chef sagen: „weniger arbeiten, bes­sere arbeiten." danke, herr sadoun. lange drauf gewartet. wenn die spitze der pyramide selbst die award-maschine infrage stellt, ist endlich der kater da, den wir uns alle verdient haben.


Ricardo Distefano - Foto: Parasol Island

zuhause beim adc feiern wir uns ordentlich. die croisette sagt „meh". zur halbzeit: ein gold, drei silber, neun bronze. letztes jahr standen wir hier schon bei einem grand prix und zwei gold. das einzige deutsche gold kommt — obvs — für hornbach. the drama worked. fünf film-craft-löwen. dann: bronze, bronze, bronze. 'and the sheep happened — fresh, fast, context und timing; die beteiligten dürfen sich mega freuen. aber titanium, innovation, glass? nicht dabei. nach sechs im vorjahr. international sind wir wieder gast. der rosé schmeckt trotzdem, und alle üben fleißig ferien-französisch. dijon-senf an der stelle.

„aber ricardo, du warst ja nicht mal dabei…"

stimmt. keine jury dieses jahr. might have pissed some people off — oder einfach nicht genug whatsapps an die richtigen stellen geschickt. komm damit klar. und ehrlich: ich hoffe, mein stuhl ging an eine hungrige, talentierte rookie. denn wenn meine laute klappe einfach durch die nächste ausgabe vom immer gleichen ersetzt wurde, haben wir in diesem club nicht viel erreicht. a jury-stuhl is not an erbhof. das könnte sogar die ewige club-diskussion mal weiterbringen. denn wo wir wirklich mehr brauchen, ist nicht noch ein lauter senf wie ich — sondern: better categories. stronger local sections, die mehr tun als alle drei monate drei leute reinzulassen. genug senf da für ein paar mehr artikel.

glückwunsch an jung von matt. zurück aus der award-pause, direkt 59 nägel, platz eins. die suche nach exzellenz funktioniert also wieder — und das meine ich ernst: ein paar ziemlich klare SOEs sind noch da­bei, geschenkt, aber der großteil ist echtes anerkennen von echter, wirksamer arbeit statt der alten geister-cases. den shift feier ich wirklich. weg von zu vielen fakes — das ist die gute entwicklung der season.

wenn die spitze der pyramide selbst die award-maschine infrage stellt, ist endlich der kater da, den wir uns alle verdient haben.

(Ricardo Distefano)

nur: aus „zu vielen fakes" ist „zu viel stacking" geworden. 59 nägel klingt nach 59 ideen. ist es aber nicht — zähl mal nach. „kein projekt ohne drama", ein einziger film, taucht im wettbewerb gefühlt fünfzehnmal auf: cinema spot, tv spot, ooh, regie, schnitt, ton, casting, szenenbild … ein gedanke, eingereicht in jede unterkategorie, die der katalog her­gibt. großartige arbeit, keine frage. aber „die meisten nägel" heißt 2026 nicht „die meiste großartige arbeit". es heißt „die meisten einreichungen über die meisten kategorien". metall-farming. die kunst ist nicht mehr, eine jury zu täuschen — die kunst ist, das formular auszufüllen.

was uns zur einzig wichtigen frage bringt: wer hat die season wirklich gewonnen?

nicht der mit den meisten nägeln. der mit der besten beute abseits der bühne.

serviceplan. die gruppe holt nicht nur einen großteil der mageren deutschen cannes-ausbeute — sie holt sich vor allem die letzte bastion großer, echter arbeit für echte kunden: hornbach. mit den leuten, die diesen kunden über zwei jahrzehnte zur legende gemacht haben. der eigentliche big winner 2026 heißt serviceplan. das ist der aufbau eines noch krasseren powerhouses für craft. für arbeit, die man in zehn jahren noch kennt — statt in zehn tagen vergisst.

die einzige ki in diesem ganzen text hat mir geholfen, zahlen und fakten zu checken. das ist die gute nachricht: die maschinen sind nicht das problem. die schlechte: es sind immer noch wir. menschen. die diese shows in die falsche richtung biegen — nicht die algorithmen. die inhalte stimmen ja wieder, weniger fake, mehr echt. nur das spiel drumrum biegen wir weiter selbst krumm: mit dem budget, das man reinkippt, und mit so vielen kategorien wie möglich. not their fault when the awards offer so. many. different. categories.

die suche nach exzellenz ist zurück. wir müssten sie nur aufhören, in fünfzehn einzelkategorien gleichzeitig zu führen. der mutigste move der season wäre nicht die nächste kampagne — sondern weniger einzureichen. frag mal herrn sadoun.

mein senf — mit vielen echten, menschlichen gedankenstrichen.


Alle, die Ricardo Distefano kennen wissen: er hat fast immer Großes vor, schreibt aber immer klein. Rechtschreibung und Grammatik stoppen ihn nicht, seinen Mund aufzumachen, wenn er eine Meinung hat. Darum enden seine Texte (fast) immer mit "mein senf".